Für euch gelesen: Ich bin raus von Robert Wringham

Arbeit ist das halbe Leben?

In unserem Leben verbringen wir durchschnittlich 81.000 Stunden mit unserer Erwerbstätigkeit und 5.000 Stunden mit dem Weg zur bzw. von der Arbeit nach Hause. Das sind rund zehn Jahre unserer Lebenszeit! Unwiederbringlich. Bei allen knappen Dingen macht es Sinn, zu prüfen, ob diese auch sinnvoll eingesetzt werden. Doch zunehmende Burn Out-Diagnosen und die steigende Verschreibung von Psychopharmaka lassen durchaus Zweifel an dem Konzept „Lebenszeit gegen Geld – Geld gegen Konsum“ aufkommen.

In seinem Buch, Ich bin Raus – Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung, lässt der Autor Robert Wringham keine Gelegenheit aus, Kritik an dem etablierten System zu äußern. Wringham hat gleich zu Beginn eine gute und eine schlechte Nachricht: Die schlechte Nachricht „Wir befinden uns in einer Falle!“ Doch „wie Houdini bewiesen hat, aus Fallen kann man sich befreien.“

Das System ist die Falle

Eingangs beschreibt Wringham die Bestandteile der Falle ausführlich beschrieben: Arbeit – Konsum – Bürokratie, und wie „unsere dummen, dummen Gehirne“ uns davon abhalten, die Falle zu erkennen, geschweige denn aus ihr entkommen zu wollen. „Arbeit ist die Quelle von so gut wie jedem Elend in der Welt.“ zitiert er Bob Black und macht deutlich, dass Gehorsam und Pflichterfüllung in unserer heutigen Zeit mehr Bedeutung haben als Produktivität und Freiheit. Wringham spricht von Präsentismus – anders kann die Tatsache wohl nicht erklärt werden, warum selbst in unserer heutigen digitalen Welt ewig zu einem Bürojob gependelt werden muss, der sich auch von zu Hause bestens erledigen lässt. Die wirklich produktive Arbeit wird längst von Robotern im Ausland erledigt. Übrig blieben nur Bullshit-Jobs. Eigentlich hätten wir doch alle auf die Ausrottung der Arbeit gewartet. Doch warum gehen wir die letzten Schritte nicht auch noch?

Die Falle sieht der Autor in dem Wirtschaftskreislauf aus Produktion und Konsumtion. Sie lockt mit dem Heilsversprechen auf Glück und Erfüllung durch Konsum. Wir müssen nur hart genug arbeiten. Doch durch Arbeit ist noch keiner reich geworden – und glücklich? Wohl die Wenigsten.

Der Köder

Das Problem ist, dass Konsum und Vergnügen durcheinander gebracht wurden. Der Kapitalismus hat herausgefunden, was den Menschen Freude macht – Sex, essen, Gemeinschaft, Spiel, Individualität und Anerkennung – und verkauft uns diese Dinge nun in modifizierter Form. Der Drang, etwas zu tun, wurde vermengt mit dem Drang, etwas zu kaufen. […] Dabei braucht man überhaupt nichts davon. Es ist Schwachsinn. […] Spaß gehört zur Grundausstattung des Lebens. Man kann ihn in der Wildnis haben, ohne Zivilisation, oder ein Wirtschaftssystem und ganz bestimmt ohne kohlensäurehaltige Getränke.“

Raum, Zeit, Frieden, Privatsphäre und eine bessere Gesundheit sind nicht zwangsläufig teuer, wenn wir sie uns direkt beschaffen, statt durch eine lebenslange Einkaufstour. Sachen sind unwichtig. Die Meisten bringen nicht einmal Spaß. Man muss dafür arbeiten oder Schulden machen, also bringen sie nichts als Ärger.“

Alles, was uns gefangen hält, sei eingebildet. Egal ob Schulden, Karriere, sozialer Status oder Erwartungen – wir könnten das alles mit einem kleinen Entschluss zunichtemachen. Aber wir fühlen uns diesen Hirngespinsten verpflichtet und haben außerdem Angst vor der absoluten Freiheit. Denn Freiheit bringt immer auch Verantwortung mit sich. So hält uns ein innerer Widerstand von jenen Aktivitäten ab, die uns wirklich nützen. „Die einzigen Menschen, die von unserem inneren Widerstand profitieren, sind diejenigen, die wollen, dass wir uns jeden Tag ab neun Uhr morgens auf einen bestimmten Bürostuhl setzen oder samstagmorgens den Einkaufswagen durch die Supermarktgänge schieben, wenn wir doch unsere Freiheit genießen könnten.“

Angst bedeutet Kontrolle

Wringham attestiert, dass wir in einer Kultur der Angst leben und Angst trenne uns von Lebensgenuss. „Von außen wird niemand kommen, um Ihnen Ihre Angst zu nehmen. Angespannte oder ängstliche Menschen lassen sich leichter kontrollieren, einlullen, mit Geld gefügig machen und zu Entscheidungen überreden, die ihnen überhaupt keinen Vorteil bringen.“

Zu unserem Bedürfnis nach Wettbewerb zitiert der Autor Tom Hodgkinson: „Wenn die Sklaven miteinander konkurrieren, dann müssen die Herren sie nicht mit physischer Gewalt zwingen. Dann ist es viel einfacher für sie.“ Aber wir konkurrieren nicht nur um niedrige Löhne und Arbeitsstunden sondern auch dabei, das mühsam verdiente Geld wieder auszugeben. Wenn der Kollege mit seinem tollen Urlaub prahlt, wollen wir es ihm nachtun oder gar noch übertreffen. Doch „Wenn Sie nur die Hälfte der Begehrlichkeiten eines Durchschnittsbürgers haben, sind Sie schon doppelt so reich.“

Konsumierst du noch oder lebst du schon?

Konsum jenseits der Befriedigung der Grundbedürfnisse und ein bisschen mehr für den persönlichen Luxus ist es nicht wert, dass wir beträchtliche Opfer dafür bringen. Eins dieser Opfer ist das Gute Leben.“

Wenn du bis hierhin die Thesen von Robert Wringham mittägst, und dich vielleicht selbst auf den Weg eines „Entfesselungskünstlers“ begeben möchtest, werden dir sicher die weiteren Kapitel seines Buches als Inspiration dienen. Wringham beschreibt teils biographisch zahlreiche Möglichkeiten, um der Arbeit, dem Konsum, der Bürokratie und dem „dummen, dummen Gehirn“ zu entkommen.

Ganz im Sinne von Wringham: „Dinge in Gemeinschaftsbesitz sind besser als Privatbesitz.“ ist sein Buch in der Stadtbibliothek Braunschweig unter der Signatur Gcr Wri zu finden.

Viel Erfolg bei der Entfesselung!

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